Vom Unternehmensleiter zum Executive Coach
Executive Coaching war für mich keine geplante zweite Karriere.
Ich hatte viele Jahre Unternehmen geführt, international gearbeitet und Verantwortung für Menschen und Organisationen in unterschiedlichen Ländern übernommen. Zuletzt war ich CEO von Sympatex Technologies Asia Limited in Hongkong.
2010 stand ich vor einer persönlichen Entscheidung.
Meine Familie lebte in Deutschland. Ich pendelte regelmäßig zwischen Hongkong und München, und irgendwann stellte sich eine einfache Frage: Sollte meine Familie nach Hongkong ziehen – oder sollte ich nach Deutschland zurückkehren?

Meine Familie wollte bleiben.
Also kam ich zurück.
Damit stellte sich für mich eine neue Frage: Was mache ich mit dem, was ich in all diesen Jahren gelernt habe?
Eine Bemerkung meiner Frau gab mir eine Richtung:
„Du lernst sehr schnell. Und wenn du ein Konzept erklärst, hören dir die Menschen aufmerksam zu.“
Ich begann darüber nachzudenken, ob die Arbeit mit Führungskräften eine sinnvolle nächste Aufgabe für mich sein könnte.
Erfahrung allein genügte mir nicht
Unternehmen zu führen und Führungskräfte zu coachen sind zwei verschiedene Dinge.
Ich wollte nicht zu einem ehemaligen CEO werden, der anderen Menschen erklärt, wie sie ihre Unternehmen führen sollen. Meine Erfahrung konnte hilfreich sein. Sie durfte aber nicht zur vermeintlichen Antwort auf die Probleme anderer Menschen werden.
Also begann ich zu lernen.
Ich beschäftigte mich systematisch mit Psychologie und den wissenschaftlichen Grundlagen des menschlichen Verhaltens. Gleichzeitig führte ich Gespräche mit erfahrenen Führungskräften und CEOs aus Unternehmen wie Sandoz, Merck, Porsche, Bertelsmann, Rolls-Royce und MTU in Friedrichshafen.
Mich interessierte vor allem eine Frage:
Was kann Coaching bei einem bereits erfahrenen und erfolgreichen Menschen überhaupt bewirken?
Die Antwort führte mich nicht zu einer neuen Managementmethode.
Sie führte mich zur Metakognition.
Denken über das eigene Denken
Menschen können über ihr eigenes Denken nachdenken.
Das klingt selbstverständlich. Im Alltag geschieht es jedoch keineswegs immer bewusst.
Wir erleben eine Situation, interpretieren sie und reagieren darauf. Mit der Zeit können sich bestimmte Interpretationen so sehr verfestigen, dass wir sie nicht mehr als Interpretationen wahrnehmen.
Sie werden für uns zu Tatsachen.
Coaching kann einen Raum schaffen, in dem diese vermeintlichen Tatsachen neu betrachtet werden können.
Was weiß ich tatsächlich?
Was nehme ich nur an?
Welche andere Erklärung könnte es geben?
Welche Möglichkeiten habe ich noch nicht gesehen?
Der Coach muss die Antwort darauf nicht kennen.
Der Klient muss sie entdecken können.
Erwachsene Menschen müssen nicht „repariert“ werden
Ich halte wenig von der Vorstellung, dass ein Coach einen anderen Menschen „fixen“ könne.
Erfahrene Führungskräfte bringen oft Jahrzehnte an Wissen, Kompetenz und Lebenserfahrung mit. Viele wurden an hervorragenden Hochschulen und Institutionen ausgebildet.
Warum sollte ich davon ausgehen, dass ihnen jemand sagen muss, wie sie denken oder handeln sollen?
Coaching kann etwas anderes leisten.
Es kann Menschen dabei helfen, ihre Fähigkeit zur bewussten Selbstreflexion gezielter einzusetzen. Dadurch können andere Möglichkeiten sichtbar werden – Möglichkeiten, die zu den eigenen Umständen, Fähigkeiten, Ressourcen und Verantwortlichkeiten passen.
Das ist für mich ein wesentlicher Unterschied.
Coaching soll unabhängig machen
Eine der interessantesten Beobachtungen meiner Arbeit zeigt sich häufig erst Monate später.
Klienten berichten mir, dass sie das, was wir während des Coachings gemeinsam betrachtet haben, inzwischen auch auf Situationen anwenden, über die wir nie gesprochen haben.
Sie prüfen ihre erste Interpretation.
Sie sehen weitere Möglichkeiten.
Sie reagieren weniger automatisch und handeln bewusster.
In der Psychologie könnte man von neuen Coping-Strategien sprechen: der Fähigkeit, die eigene Reaktion anzupassen, wenn vertraute Vorgehensweisen in einer neuen Situation nicht mehr ausreichen.
Genau darin liegt für mich ein wichtiges Ergebnis des Coachings.
Der Klient sollte mich nicht brauchen, wenn das nächste Problem auftritt.
Er sollte seine eigene Fähigkeit nutzen, um es neu zu betrachten.
Erfahrung bleibt Erfahrung
Meine eigene Führungserfahrung verschwindet natürlich nicht, nur weil ich coache.
Wenn es für ein Problem gesichertes Wissen oder eine bewährte Vorgehensweise gibt, sehe ich keinen Sinn darin, dieses Wissen künstlich zurückzuhalten, nur um einer rein theoretischen Vorstellung von Coaching zu entsprechen.
Aber Erfahrung hat Grenzen.
Was in meinem Unternehmen, in Hongkong, Italien, Deutschland oder Indien funktioniert hat, muss nicht die richtige Antwort für einen anderen Menschen in einer anderen Situation sein.
Deshalb ist meine Erfahrung für mich vor allem eines:
Material, das mir hilft, bessere Fragen zu stellen – nicht das Recht, die Antworten zu kennen.
Executive Coaching heute
Heute arbeite ich mit Führungskräften, die häufig bereits viel erreicht haben.
Sie kommen nicht zu mir, weil ihnen Wissen fehlt.
Oft befinden sie sich an einem Punkt, an dem Erfahrung allein keine eindeutige Antwort mehr liefert: eine neue Verantwortung, eine schwierige Beziehung, eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen oder eine Situation, die sich mit den bisherigen Denk- und Handlungsmustern nicht mehr zufriedenstellend lösen lässt.
Dann kann es hilfreich sein, noch einmal hinzusehen.
Nicht um einen Menschen zu verändern.
Sondern um sichtbar zu machen, was er vielleicht bisher nicht gesehen hat.
